Liebe Diskutierende!
Ertsmals möchte ich mich für diese sehr lang ausgefallene Stellungnahme zu diesem Thema entschuldigen. Ich möchte das Forum hier nicht mit meiner Meinung zupflastern, habe aber sehr viel dazu zu sagen, weil mich das Thema selbst betrifft.
Also, ich habe die Petition unterschrieben.
Ich bin keine Schülerin der Akademie Sitam, war auch nie eine und plane auch nicht eine zu werden. Ich habe einmal einen dreitägigen Workshop dort besucht, den der japanische Modedesigner Shingo Sato unterrichtet hat und kenne daher die Akademie und habe so von der Petition erfahren.
Ich möchte gerne zu den hier gefallenen Argumenten gegen eine freie Gewerberegelung Stellung nehmen und erklären, warum ich diese Petition für wichtig halte und unterschrieben habe.
In Österreich ist die Gewerbeordnung sehr streng. Ich habe eineinhalb Jahre in England gelebt und habe dort problemlos als Näh- und Schnittzeichenlehrerin gearbeitet (das dürfte ich übrigens auch in Österreich) und hätte auch meine eigenen gefertigten Werke verkaufen können, so wie es auch eine Kollegin von mir gemacht hat, die keine Ausbildung hatte. Ihre Schwiegermutter hatte ebenfalls ein boomendes Geschäft mit selbstgenähter Retro-Kleidung – ebenfalls ohne Ausbildung.
Ich denke, es geht bei der Frage, ob das Gewerbe frei sein sollte oder nicht vorrangig um die Frage der Mündigkeit der BürgerInnen, sowohl derer die verkaufen wollen, als auch derer die kaufen wollen.
Mich haben schon des öfteren Leute gefragt, ob ich eine Auftragsarbeit annehmen würde, weil sie gesehen haben, was ich nähe. Ich muss daraufhin leider immer mit “Nein” antworten, weil ich das gesetzlich nicht darf. Also das Gesetz verbietet demnach KonsumentInnen etwas bei mir zu kaufen, das sie haben möchten und ich herstellen kann. Sowohl ich als auch die potenziellen KonsumentInnen werden daher als unmündig gesehen, diese Entscheidung selbst zu tragen.
Hier sind weitere Argumente, die gegen ein freies Gewerbe gefallen sind, auf die ich gerne eingehen möchte:
1) Fehlender Schutz für KonsumentInnen
Als mündige/r BürgerIn muss man sich immer genau ansehen, was man kauft und was nicht. Es gibt sehr viele freie Gewerbe, in denen es ebenso zu Enttäuschungen und Unzufriedenheit bei KundInnen kommen kann.
Webdesign, Hutmacherei oder Schmuckerstellung aus Nicht-Edelmetallen sind, zum Beispiel, auch freie Gewerbe. Wenn man jemanden beauftragt, eine Webseite für die eigene Firma zu gestalten, kann das auch zu Enttäuschungen führen und das Endresultat nicht dem entsprechen, was man sich vorgestellt hat. Trotzdem sind diese Gewerbe frei.
2) Wer wirklich will, kann sich im zweiten Bildungsweg ausbilden lassen und so zu einem Meisterbrief kommen.
Hier möchte ich gerne auf meine eigene Erfahrung eingehen. Ich würde meine Sachen gerne verkaufen und die Meisterprüfung extern ablegen. Da ich berufstätig bin und es mir nicht leisten kann, ohne Arbeit zu sein, kann ich keine Lehre machen und ebenso kein Modekolleg besuchen, welches min. dreijährig Vollzeit ist, bis ich einen Meister bekommen könnte.
Alternativ bietet das WiFi (ein profitorientiertes Unternehmen) Vorbereitungskurse für die Meisterprüfung an. Leider wurden diese dieses und auch letztes Jahr wegen zu wenigen Anmeldungen abgesagt. Außerdem hätten diese Kurse tagsüber stattgefunden (nicht mit Arbeit vereinbar) und kosten ca. € 4000. Dazu kommen noch €437 an Prüfungsgebühren für die Meisterprüfung an der Modeinnung dazu (ohne Zusatzprüfungen, die man ohne Lehrabschluss ablegen muss und ohne Materialkosten) und ca. € 300 für die Unternehmerprüfung plus zusätzlich, sollte man es schwierig finden, sich auf die Unternehmerprüfung selbständig vorzubereiten, nochmals ein Kurs, z.B. am WiFi (derzeit € 1590) für die Vorbereitung auf die Unternehmerprüfung. Das alles nur damit ich einen kleinen Zuverdienst haben kann, wenn zu mir jemand kommt und gerne etwas von mir genäht bekommen würde.
Die Modeinnung bietet diesen Sommer auch einen Vorbereitungskurs an. Der kostet ca. € 1000, bereitet einen jedoch nur auf das Modul 1 vor, und kann nur besucht werden, wenn man schon einen Lehrabschluss hat.
Außerdem verlangt die Modeinnung, dass man nach dem System Müller München schnittzeichnet (Müller München = ebenfalls profitorientiertes Unternehmen – alle drei notwendigen Fachbücher für die Damenkleidermacherei kosten zusammen ca. € 450). Andere Schnittzeichensysteme werden nicht akzeptiert, was absurd ist und bedeuten würde, dass alle Schulen und Länder, die nicht genau dieses Schnittzeichensystem nutzen, vollkommen dilettantisch arbeiten und nicht zu guten Ergebnissen kommen. Das Ergebnis sollte zählen, nicht die Methode.
So viel zum zweiten Bildungsweg.
3) Zu viele Unternehmen würden, wenn das Gewerbe frei wäre, wegen Geschäftsuntüchtigkeit und übersättigtem Markt in Konkurs gehen.
Es geht hier wiederum, um die Mündigkeit der BürgerInnen. Es gibt viele Unternehmen, die man in Österreich gründen kann, ohne seine Geschäftstüchtigkeit vorher unter Beweis stellen zu müssen. Ich war, zum Beispiel, einige Jahre freiberuflich als Englischtrainerin tätig. Da hat mich auch niemand gefragt, ob ich das überhaupt kann, weiß was für Kompetenzen ich dazu brauche oder hat mich aufgehalten, weil der Markt schon übersättigt sei.
Warum soll Geschäftsuntüchtigkeit und Übersättigung des Marktes also für das Schneiderei-Gewerbe ein Kriterium sein. Sollen mündige BürgerInnen doch Unternehmen gründen so viele sie wollen und dann wieder in Konkurs gehen.
In einer freien Marktwirtschaft (in der wir zum besseren oder schlechteren teilweise leben - darüber kann man streiten, aber vielleicht nicht gerade hier und jetzt

) ist die Idee die, dass sich der Markt von selbst regelt und nicht, dass Gewerbeberechtigungen nur für jene Branchen ausgegeben werden, die der Staat für noch nicht übersättigt hält. Demnach finde ich, dass die Übersättigung des Marktes kein gutes Argument ist, da Gewerbeberechtigungen nicht dafür gedacht sind, sich in so was einzumischen.
Daher glaube ich müssen wir uns, um zu entscheiden, ob das Gewerbe “Damen- und HerrenkleidermacherIn” frei sein sollte, lediglich folgende Frage stellen:
Schadet es KonsumentInnen, wenn Kleidung zum Verkauf steht, die von Menschen hergestellt wurde, die keinen Meisterbrief besitzen? Was sind die Risiken und Konsequenzen? Sind diese anders als, zum Beispiel, bei WebdesignerInnen, SchmuckherstellerInnen aus Nicht-Edelmetall, oder ModistInnen…?
Wenn wir diese Frage mit “Nein” beantworten, dann muss das Gewerbe frei sein. Wir können als Staat nicht einfach sagen, die Branche muss geschützt werden und der Eintritt erschwert werden, um die existierenden heimischen Betriebe künstlich vor Übersättigung anderer (eventuell sogar besserer) Betriebe zu schützen. Das grenzt an Monopolisierung und Protektionismus.
Der Markt und die KonsumentInnen müssen entscheiden, was sie wo kaufen wollen und was nicht. Und es spricht ja nichts dagegen, dass sich jemand, der eine Meisterschneiderei hat, diese auch so bewirbt. Wenn ich ein Ballkleid geschneidert haben will, geh ich dann auch lieber in einen “Meisterbetrieb” mit langjähriger Erfahrung als zu der, die auf Etsy oder DaWanda Jersey-Leiberl verkauft. Aber wenn ich ein von jemandem in Österreich hergestelltes Jersey-Leiberl haben will, will ich das auch kaufen können, wenn es mir gefällt. Egal ob die/der ProduzentIn einen Meister hat oder nicht. Dann möchte ich deshalb nicht auf Anbieter aus anderen Ländern ausweichen müssen, weil die das in ihren Ländern und somit auch an mich in Österreich verkaufen dürfen.
In anderen Ländern, wie, zum Beispiel, Großbritannien und Deutschland, ist das Gewerbe frei und dort hat das auch keine katastrophalen Folgen, sondern regelt sich gut selbst. Beide diese Länder habe auch einen besseren Ruf, was die Schneiderei und die Modebranche betrifft, als Österreich. In England gibt es trotz fehlender Regelungen, reges Interesse daran, zum Beispiel, an der weltberühmten Saville Row in London, in Lehre zu gehen oder dort ein Praktikum abzulegen. Nicht, weil es wegen einer Gewerbeordnung notwendig ist, sondern, weil die dort einfach auf hohem Niveau schneidern und sich damit gegen die Konkurrenz durchsetzen können.
Manchmal bereue ich es gar, wieder zurück nach Österreich gezogen zu sein, weil ich hier meinem Interesse nur hobbymäßig nachgehen kann, während ich in England auch ohne Ausbildung für meine Arbeit geschätzt wurde und dieser auch in meinem Beruf nachgehen konnte, weil man mich nach meinen Resultaten beurteilt hat.
Selbst würde ich es mir nicht zutrauen, eine Maßschneiderei zu öffnen, denn ich weiß gut genug, was ich kann und was nicht. Ich würde jedoch gerne einige meiner Modestücke verkaufen können. Leider geht das in Österreich nicht.
So, jetzt habe ich aber genug gesagt.
P.S.: Nein, eines noch: Ich denke, die Akademie Sitam hat die Petition “Freies Gewerbe für Damen- und Herrenkleidermacher” genannt, weil dieses eine Gewerbe eben alles regelt, das mit dem Herstellen und anschließenden Verkauf von Kleidung für Damen und Herren zu tun hat. Es gibt hier im Gesetz keine Abstufungen. Ob du ein Leiberl nähen und auf einem Marktstand verkaufen willst, oder exklusive maßgeschneiderte Einzelanfertigungen herstellen möchtest, spielt keine Rolle. Für beides braucht man diesen einen Gewerbeschein.
Danke, wenn ihr es bis hierher geschafft habt und alles gelesen habt. Ich hoffe, ich konnte einige von euch von der Dringlichkeit einer Änderung dieser Gewerbeordnung überzeugen. Sollte das so sein, bitte unterschreibt diese Petition.